Die deutsche Noch-Aussenministerin Annalena Baerbock kommt bekanntlich vom Völkerrecht. Aber auch Schnupper-Juristen sollten ein paar historische Grundkenntnisse haben. Zumal wenn sie sich als Chefdiplomat versuchen. Sonst kann es peinlich werden. Wie etwa am vergangenen Samstag auf der Münchner Sicherheitskonferenz.
🇩🇪‼️🚨 WISDOM FROM BAERBOCK:
Democracy was brought to Germany by:
🇺🇸 US
🇵🇱 Poland
🇫🇷 France
🇬🇧 UKLMAO … so that’s how Germany became a democracy … wow pic.twitter.com/cyqEKZT5ik
— Lord Bebo (@MyLordBebo) February 15, 2025
Da erstaunte Frau Baerbock bei einer Podiumsdiskussion mit der These, dass die Vereinigten Staaten, Polen, Frankreich und Grossbritannien die Demokratie nach Deutschland gebracht hätten. Der ebenfalls anwesende polnische Aussenminister Radosław Sikorski zuckte kurz mit den Mundwinkeln. Was er wirklich dachte, werden wir nie erfahren.
Denn Baerbocks These ist hanebüchener Unsinn. 1945 war Polen ein geschlagenes Land. Überrannt von der Roten Armee Stalins. Es dauerte vierzig Jahre, bis es den tapferen Polen gelang, das Joch sowjetischer Herrschaft abzuschütteln. Und auch in Frankreich sieht man aller Résistance-Romantik zum Trotz den eigenen Beitrag zum Sieg über Hitler-Deutschland heute realistisch.
Wenn überhaupt, dann war es der zähe Durchhaltewille der Briten ab 1940 und die Entschlossenheit der USA, die die Demokratie zurück nach Deutschland und damit letztlich auch nach Mitteleuropa brachten. Wäre Stalin 1945 bis zum Atlantik durchmarschiert, für die Demokratie in Europa sähe es vermutlich auch heute noch schlecht aus.
Beigebracht werden musste den Deutschen die Demokratie allerdings auch von den Amerikanern nicht. Das erste gesamtdeutsche Parlament konstituierte sich im Mai 1848 in der Frankfurter Paulskirche. Das Deutsche Kaiserreich von 1871 verfügte über ein für damalige Zeit fortschrittliches Wahlrecht, und das Parlament erarbeitete sich über die Jahrzehnte eine zunehmend zentrale Stellung. Und auch die Weimarer Republik war nicht zwangsläufig zum Untergang verurteilt.
Baerbocks ahnungslos dahingeworfene Bemerkung, dass die Alliierten erst die Demokratie nach Deutschland gebracht hätten, ist schlicht falsch. Dass eine deutsche Bundesministerin die eigene demokratische Tradition dermassen missachtet, ist jedoch nicht nur beschämend, es lässt auch tief blicken. Wer die Geschichte des eigenen Landes so offenkundig verachtet, ist für ein Führungsamt nicht geeignet.
Die Kommentare auf weltwoche.ch dienen als Diskussionsplattform und sollen den offenen Meinungsaustausch unter den Lesern ermöglichen. Es ist uns ein wichtiges Anliegen, dass in allen Kommentarspalten fair und sachlich debattiert wird. Scharfe, sachbezogene Kritik am Inhalt des Artikels oder wo angebracht an Beiträgen anderer Forumsteilnehmer ist erwünscht, solange sie höflich vorgetragen wird. Persönlichkeitsverletzende und diskriminierende Äusserungen hingegen verstossen gegen unsere Richtlinien. Sie werden ebenso gelöscht wie Kommentare, die eine sexistische, beleidigende oder anstössige Ausdrucksweise verwenden. Beiträge kommerzieller Natur werden nicht freigegeben. Zu verzichten ist grundsätzlich auch auf Kommentarserien (zwei oder mehrere Kommentare hintereinander um die Zeichenbeschränkung zu umgehen), wobei die Online-Redaktion mit Augenmass Ausnahmen zulassen kann.
Die Kommentarspalten sind artikelbezogen, die thematische Ausrichtung ist damit vorgegeben. Wir bitten Sie deshalb auf Beiträge zu verzichten, die nichts mit dem Inhalt des Artikels zu tun haben.
Das Nutzen der Kommentarfunktion bedeutet ein Einverständnis mit unseren Richtlinien.
Unzulässig sind Wortmeldungen, die
Als Medium, das der freien Meinungsäusserung verpflichtet ist, handhabt die Weltwoche Verlags AG die Veröffentlichung von Kommentaren liberal. Die Online-Redaktion behält sich jedoch vor, Kommentare nach eigenem Gutdünken und ohne Angabe von Gründen nicht freizugeben. Es besteht grundsätzlich kein Recht darauf, dass ein Kommentar veröffentlich wird. Weiter behält sich die Redaktion das Recht vor, Kürzungen vorzunehmen.