Die Ukraine hat einen neuen Nationalhelden: Wolodymyr Selensky. Er ist weder General noch Feldherr, hat keine militärische Erfahrung und wurde nicht mit Insignien von Eliteeinheiten ausgezeichnet. Selensky, der von seinen Landsleuten bis vor kurzem als Naivling, als nutzloses Greenhorn schlechtgeredet wurde, weil er nicht in der Lage sei, den Russen die Stirn zu bieten, ist jetzt der Stolz und gleichzeitig das Rückgrat der Nation. US-Historiker bezeichnen ihn als George Washington der Ukraine.

Der 44-jährige Selensky ist das Symbol des nationalen Widerstands gegen die Attacken Russlands. Seinen Mut bewies er der Nation und der Weltöffentlichkeit erstmals am 19. Februar in München. Fünf Tage vor der Invasion russischer Truppen las er Politikern, die zur Sicherheitskonferenz in die bayerische Hauptstadt gereist waren, die Leviten. Ihm, der bis zu jenem Tag ein diplomatisches Leichtgewicht war, gelang es, die politische Elite des Westens aufzurütteln und ihr ins Gewissen zu reden. Der Ukrainer warf ihr «Appeasement» vor, also Besänftigung und Beschwichtigung gegenüber Aggressoren. Jedem war klar, dass er damit nur Russland meinen konnte. Für ein Publikum, das während Jahren dem Konflikt mit Moskau ausgewichen war und auf Harmonie gemacht hatte, waren das starke Worte.

Seit seinem Münchner Weckruf hat Selensky wiederholt gezeigt, dass er an seiner Aufgabe wächst, das bedrohte Land zu führen. Als im Rahmen der psychologischen Kriegsführung Meldungen verbreitet wurden, er sei aus der Hauptstadt geflohen, griff er zum Handy und nahm im olivgrünen Shirt ein Selfie-Video vor der Residenz des Staatspräsidenten auf. Er lächelte in die Kamera, unrasiert und sichtlich ermüdet, wünschte allen einen guten Morgen und sagte: «Ich bin hier.» Er laufe nicht davon. Indem er sich auf die Seite der ukrainischen Soldaten stellte und sich mit ihnen fotografieren liess, demonstrierte er den Unterschied zu Wladimir Putin, der selbst zu seinen engsten Beratern auf Distanz geht. Selensky gibt sich mutig und humorvoll zugleich. Als ihm die USA eine Fluchtmöglichkeit anboten, meinte er mit einem Schuss Humor: «Der Kampf ist hier. Ich brauche Panzerabwehrmunition, keine Mitfahrgelegenheit.» Kurz vor Beginn der Invasion hatte er sich per Clip an die Adresse der Russen gewandt: «Und wenn ihr uns angreift, werdet ihr nicht unsere Rücken sehen, sondern unsere Gesichter.»

Derzeit ist Selensky mit Abstand der populärste Politiker. Das war nicht immer so. Vor zwei Monaten gaben in einer Umfrage lediglich 23 Prozent der Befragten an, dass sie ihn wiederwählen würden. Heute sind es rund 90 Prozent. So beliebt war er schon einmal: als Produzent und Hauptdarsteller in seiner eigenen Polit-Satire, in der er gegen die Korruption der Politiker vom Leder zog. «Diener des Volkes» hiess die Erfolgsserie, und den gleichen Namen gab er seiner Partei, die er Ende 2017 gründete und an deren Spitze er vor zwei Jahren von über 70 Prozent als Staatspräsident gewählt wurde. «Wenn ich gewählt werde, werden sie mich erst mit Schlamm bewerfen, dann lernen, mich zu respektieren, und dann weinen, wenn ich gehe», sagte er damals.

Falls er die Attacken Russlands überlebe, werde Selensky in die nächste Schlacht ziehen, meint der kanadisch-ukrainische Historiker Serhy Yekelchyk. Dann werde er, wie seinerzeit in der TV-Satire, gegen die Oligarchen vorgehen und mit der Korruption aufräumen. Aber nicht am Bildschirm, sondern in der Realität.