Im Winter kann das Quecksilber auf minus zwanzig Grad Celsius sinken. Der eisige Wind raubt einem den Atem, die Schneeberge türmen sich am Strassenrand. Moskau ist nicht immer ein Traumziel. Blickt sie im Schatten der Kremltürme in die Kamera, erwarten den Fernsehzuschauer in der Schweiz präzise, fundierte und unabhängige Einschätzungen. Denn Tschirky, aufgewachsen in Sargans, sieht den Beruf der Journalistin als Berufung. Und seit sie 2010 als Delegierte der Europäischen Jugendpresse zum ersten Mal in die russische Hauptstadt reiste, wusste sie: «Hier will ich mal als Korrespondentin arbeiten.» Tschirky ist mit einem russisch-deutschen Journalisten verheiratet, der für eine deutsche Tageszeitung arbeitet. 2021 wurde sie zur Schweizer Journalistin des Jahres gewählt.

In diesen Tagen berichtet sie aus dem ukrainischen Krisengebiet. Die Situation sei völlig surreal, sagt sie: «Ein offener Krieg in Europa. Heute Morgen sangen Vögel vor dem Balkon meines Hotelzimmers in Kiew, und gleichzeitig waren in der Ferne Explosionen zu hören.»

Doch dann wurde es selbst ihr zu viel. Wie SRF mitteilt, floh Tschirky mit ihrem Team in den Westen des Landes. Dort seien sie «an einem sicheren Ort», hiess es später. Zu ihrer journalistischen Motivation sagt sie: «Ich habe meine Augen buchstäblich nicht geschlossen. Die Menschen machen sich grosse Sorgen um ihr eigenes Leben und versuchen zu fliehen.»

Tschirky selber lässt sich von den herrschenden Bedingungen nicht aus dem Konzept bringen. Zur russischen Propaganda und Zensur sagt sie: «Die Überwachung ist nicht mehr staatlich diktiert wie einst in der Sowjetunion oder, noch ausgeprägter, in der DDR – das höre ich von Kolleginnen und Kollegen, die schon damals hier gearbeitet hatten. Ein früherer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erzählte mir, dass er seine Artikel jeweils den Behörden vorlegen musste, dann wurden die Texte zensuriert.»

An der Einseitigkeit der Information habe sich aber nichts geändert. In der russischen Fernsehlandschaft gibt es nur einen unabhängigen Sender – Doschd (Russisch für Regen, die Red.). Bezeichnenderweise wurde dieser aber aus dem Pool jener Sender gestrichen, die den Kreml eng begleiten dürfen. Der Grund war die Berichterstattung über die Verhaftung von Alexei Nawalny nach dessen Rückkehr aus Deutschland. Die anderen russischen Fernsehsender sprechen den Namen Nawalny übrigens nie aus. Sie sprechen – wie Putins Kommunikationschef Dmitri Peskow – vom «Blogger» oder vom «Verurteilten». Wichtig ist der Regierung die Aussendarstellung. So wird der Auslandssender RT (früher Russia Today) mit einem grosszügigen Budget vom Staat finanziert. Mit der Chefredaktorin Margarita Simonjan pflegt Putin eine persönliche Bekanntschaft. Und Simonjan hat auch schon Auszeichnungen von ihm erhalten.

Ganz grundsätzlich geschehe die staatliche Einflussnahme auf die journalistische Arbeit subtiler als früher. Es seien vor allem ausländische Medien tangiert, die in russischer Sprache senden und sich an Russen wenden, beispielsweise der russische Kanal der BBC – oder das vom US-Kongress finanzierte Radio Liberty. Ein grosses Thema war auch das von Alexei Nawalny verbreitete Video über den angeblichen Palast von Wladimir Putin an der Schwarzmeerküste. Da sei der Staat eingeschritten. Zu ihrer eigenen Position sagt Tschirky: «Wir Schweizer sind in gewissem Sinne zu klein, als dass wir von den Russen als Bedrohung wahrgenommen würden. Und unsere Neutralität in der Aussenpolitik wirkt sich ebenso deeskalierend aus – dies im Gegensatz zu der oft dezidierten Haltung der EU. Deshalb ist meine Berichterstattung weniger im Fokus der Behörden.»

Komplizierter sei die Situation für ihren Ehemann: «Auf ihn hat der russische Staat einen direkteren Zugriff, er hat bei ihm den grösseren Hebel. Grundsätzlich treffen wir gewisse Sicherheitsvorkehrungen. Wir publizieren keine gemeinsamen Fotos – und sagen auch nicht öffentlich, wo wir wohnen.»

Trotzdem geriet Tschirky selber vor einem Jahr in Minsk in die Fänge der staatlichen Obrigkeit. Zusammen mit einer Kollegin wurde sie auf offener Strasse verhaftet. Als Fussgängerin habe sie vor einem Rotlicht gestanden – in einer «total alltäglichen Situation.» Dann habe ein kleiner Autobus angehalten. Die Schiebetüre habe sich geöffnet, und teils maskierte Männer in dunkler Zivilkleidung seien herausgesprungen und hätten sie angewiesen, mitzukommen. Offiziell sei sie aber nie festgenommen worden. Auf jeden Fall habe sie nie ein Festnahmeprotokoll erhalten: «In einem Rechtsstaat braucht es dies aber, um von einer Festnahme zu sprechen. Offiziell wurde einzig meine Identität überprüft. Aber ich bin drei Stunden mit anderen Personen im Keller einer Polizeistation gesessen.»

Auf die Frage, wie lange sie noch aus Russland berichten wolle, sagt Tschirky: «Ich habe das Gefühl, dass ich erst begonnen habe. Normalerweise laufen die Verträge von SRF-Korrespondenten vier bis sechs Jahre – in meinem Fall noch bis 2025. Was danach geschieht, ist völlig offen.» Sie könne sich aber nicht vorstellen, in Russland alt zu werden. Es gebe noch viele schöne Orte auf der Welt.

Vorderhand ist ein Job- oder Ortswechsel für Luzia Tschirky aber kein Thema. Denn in Russland und in der Ukraine kann sie das ausleben, was für sie berufliche Ehrensache ist: die Vermittlung von unzensierten Informationen und einer unabhängigen Meinung in einer aus den Fugen geratenen Welt.