Jahrelang entsprach Putin-Russland allem, was man sich unter einer gelenkten Demokratie vorstellt. Das beschreibt den Zeitraum ab 2000 und die Präsidentschaft Medwedjew.

Nach 2012, als ein Putin 2.0 in den Kreml zurückgekehrt war, nahm der Staat einen zunehmend autoritär-populistischen Charakter an. Repräsentative Elemente wurden durch akklamative ersetzt, die Opposition wurde zunehmend marginalisiert. Dennoch waren die Führung von der politischen Klasse und der Staat von einer Mehrheit im Volk getragen.
Seit dem Februar 2022, seit der Präsident gegen den Rat eines Grossteils der Führungselite einen Angriffskrieg in der Ukraine durchgesetzt hat, entspricht Russland einer lupenreinen Diktatur.

Inzwischen sind die letzten Reste zugelassener Kritik beseitigt; abweichende Ansichten werden wie vor der Perestroika in den schmalen Raum zwischen den Zeilen gedrängt. Politische Analysten aus dem Establishment gehen auf Tauchstation.
Das renommierte Carnegie Moscow Center, in der Vergangenheit dem System gegenüber wohlwollend-neutral, hat seit dem 23. Februar keinen einzigen Beitrag veröffentlicht. Das Internet mit seiner Vielzahl an Kanälen verbreitert die Freiräume zwar, setzt aber Zugangswissen voraus.
Der Kreml wird derweil zur Wagenburg, verteidigt von den Hunderttausenden der Russischen Garde und, wenn es hart auf hart kommt, den Kämpfern des Tschetschenen-Chefs.

Die russische Geschichte folgt dabei einem uralten Muster: Die liberale Phase nach den napoleonischen Kriegen endete 1825 mit der Niederschlagung des Dekabristenaufstands. Die zarten Pflänzchen neuer Freiheit nach 1917 wurden vom Stalinismus zertreten, und auf die leise Öffnung nach Stalins Tod folgte die erstickende Stagnation unter Breschnew. Revolution und Tyrannenmord geniessen eher Seltenheitswert, etwa die Tötung Pauls I. im Jahr 1801.

Ob unter dem gegenwärtigen Führer oder einem anderen – die Historie deutet in Richtung einer lang anhaltenden autoritären Epoche.