Von einem Blitzkrieg war die Rede. Von einem Panter-Sprung auf Kiew und der Enthauptung der «faschistischen» Regierung Selenskyj. Nun stecken die Russen in einem brutalen Abnützungskrieg.

«Die Russen haben die Fähigkeiten der ukrainischen konventionellen Streitkräfte, der Partisanenbrigaden und des Widerstands dramatisch unterschätzt», sagt US-General David Petraeus zur Weltwoche. «Ganz zu schweigen von dem Hass, der ihnen quer durchs Land entgegenschwappt.»

Petraeus kommandierte die Truppen in Irak und Afghanistan. Er hat den aufreibenden Kriegsalltag gegen Aufständische hautnah erlebt. Bei den Russen ortet er tiefgreifende systemische Probleme.

«Die Tatsache, dass die Russen bis jetzt nicht in der Lage waren, die Lufthoheit zu erlangen, zeigt, dass Mängel bestehen, die viele so nicht erwartet hatten», so Petraeus.

«Wir beobachten einzelne Panzer oder kleine Panzereinheiten ohne Infanterie, ohne Artillerie, ohne Luftdeckung, ohne Logistikingenieure.» Es sei offensichtlich, dass die Russen das Gefecht der verbundenen Waffen zu wenig trainiert hätten.

In Syrien hatten die Russen eben noch Erfolge gefeiert. Doch jetzt beisst sich der massiv überlegende russische Goliath am hochmotivierten ukrainischen David die Zähne aus.

Petraeus vergleicht den ukrainischen Widerstand mit der französischen Résistance gegen die Nazis im Zweiten Weltkrieg. Die aktuell kämpfenden rund 190.000 russischen Soldaten würden für einen Zermürbungskrieg niemals ausreichen. Geschweige denn dafür, das Land zu besetzen und zu kontrollieren.

Folge der schlechten Kriegsführung seien hohe Opferzahlen auf russischer Seite. «Es könnte sein, dass die Russen in den ersten Wochen Krieg mehr Soldaten verlieren als wir in zwanzig Jahren im Irak verloren haben», so Petraeus.

Bis jetzt hält Putin seinen Krieg, den man in Russland unter Androhung von Gefängnisstrafe nicht beim Namen nennen darf, vor dem Volk versteckt. Das werde sich bald ändern, ist Petraeus überzeugt.

Im Weltwoche-Interview nennt der ehemalige CIA-Direktor die Gründe, warum Putin in der Ukraine letztlich ein Fiasko drohe: Es sind nicht Panzerfäuste und ukrainische Luftabwehrwaffen, sondern Smartphones und russische Soldatenmütter.