Getreide-Alarm: Wegen des Kriegs in der Ukraine könne es zu einer Nahrungsmittel-Knappheit kommen, warnt US-Präsident Joe Biden. Weil mehr als 30 Prozent des weltweit gehandelten Getreides aus der Ukraine und aus Russland stammten, habe der Krieg ernsthafte Konsequenzen, befürchtet die EU. Er gehe «im schlimmsten Fall» von bis zu 100 Millionen mehr Hungernden aus, wenn nicht vom Rest der Welt geeignete Massnahmen ergriffen würden, um Hungerkrisen zu verhindern, sagt der Bonner Agrarwissenschaftler Martin Qaim in einem Interview mit der Welt.

Ein Blick auf die Statistiken zeigt allerdings: Zur Panik besteht kein Grund. Der kriegsbedingte Ausfall der Getreideproduktion betrifft nämlich lediglich die Exporte, nicht aber die weltweite Produktion, schreibt die Pflanzenwissenschaftlerin Sarah Taber in einem Tweet. Während die globale Weizenernte im vergangenen Jahr 780 Millionen Tonnen betrug, beläuft sich der ukrainisch-russische Fehlbetrag gerade einmal auf 7 Millionen Tonnen. Das seien bloss 0,9 Prozent der globalen Ernte.

Kurz: Es gehe nicht darum, einen Viertel der globalen Weizenversorgung zu ersetzen, wie in zahlreichen Kommentaren unterstellt werde, meint Taber. Zudem gebe es mindestens zwölf Länder, die jetzt die Weizenproduktion steigern wollten.

Das Problem, so Taber, sei nicht die Weizenknappheit. Gravierender sei ein anderer Mangel: In der Schifffahrt fehlt es an Ladeflächen dafür, den Weizen zu transportieren. Das hat mit dem Krieg in der Ukraine zwar nichts zu tun. Zeigt aber einmal mehr, wie eng politische Unabhängigkeit und wirtschaftliche Autonomie miteinander verknüpft sind.