Napoleon hatte eine eigene Vorstellung von der russischen Geographie: «Wenn ich St. Petersburg erobere, kratze ich Russland am Kopf», sagte er vor seinem Feldzug. «Nehme ich Kiew ein, kitzele ich es an den Füssen. Aber wenn ich auf Moskau marschiere, treffe ich Russland ins Herz.»

Strategisch mag er recht gehabt haben, aber ansonsten lag er falsch: Wenn Moskau das Herz und die Retorte St. Petersburg der Verstand sind, dann ist Kiew die Seele Russlands. Gegründet von Wikingern, kulturell geprägt von Griechen aus Byzanz, wurde Kiew Führungsmacht slawischer Fürstentümer – der Rus. Die Lage am Dnjepr zwischen Ostsee und Schwarzem Meer gab wirtschaftliche, der Sitz des Metropoliten religiöse Macht.

Die Mongolen machten dem Traum ein Ende. Kiew, das «zweite Jerusalem», sollte sich nie wieder erholen. Sein Erbe trat Moskau an, das «dritte Rom». Für Russen gilt Kiew seitdem als «Mutter aller russischen Städte», doch mit seinen Angriffen auf die Stadt spricht Wladimir Putin diesem Anspruch hohn. Eine Mutter schlägt und misshandelt man nicht.