Die Gewissensprüfung ist wieder da. Ablegen müssen sie derzeit Künstler und Sportler. Die Frage lautet: Bist du für oder gegen Putin? Wer nicht klar gegen den russischen Potentaten ist, fällt durch.

Das internationale Filmfestival von Cannes gibt bekannt, dass es keine russischen Delegationen empfangen will. Auch kritische Filmemacher sind vom Boykott betroffen. Die Starsopranistin Anna Netrebko verurteilt zwar den Krieg, distanziert sich aber nicht von Putin. In vorauseilendem Gehorsam hat sie bekanntgegeben, nicht mehr aufzutreten.

Mittlerweile wäre das an einigen Häusern auch gar nicht mehr möglich. So was kann bis hin zur Entlassung führen. So trennten sich die Münchner Philharmoniker von ihrem russischen Chefdirigenten Waleri Gergijew, der zur Aufforderung, sich von seinem Freund Putin zu distanzieren, geschwiegen hatte.

Sportler hatten erst gar keine Chance zur Distanzierung. Nachdem das Internationale Olympische Komitee russische und belarussische Sportler geächtet hatte, flogen sie aus Sportverbänden, und ihre Teilnahme an den Paralympics war nicht erwünscht.

Was hier passiert, fasst ausgerechnet ein ukrainischer Filmemacher, nämlich Sergei Loznitsa, so zusammen: Hier werden «Menschen nach ihren Pässen beurteilt». Und der Präsident des Schriftsteller-Verbands PEN, Deniz Yücel, ein im türkischen Knast gestählter Freigeist, warnt davor: Wenn wir uns zu solchen Reflexen, zu Pauschalisierungen und Anfeindungen gegen Russinnen und Russen hinreissen liessen, habe der Wahnsinn gesiegt, die Vernunft und die Menschlichkeit verloren. «Der Feind heisst Putin, nicht Puschkin», erinnert Yücel.

Dem ist nichts hinzuzufügen.