Im Wortlaut des Kremls gibt es den «Krieg in der Ukraine» nicht. Im offiziellen Wording heisst es «militärische Spezialoperation».

Journalisten, die gegen diese Regel verstossen, müssen mit drakonischen Strafen (Gefängnis, Lager) rechnen. Deshalb zogen die meisten westlichen Medienhäuser ihre Korrespondenten aus Russland ab.

ARD-Mann Demian von Osten sieht in dieser Situation aber auch eine Gefahr für Präsident Putin: «Für den Kreml tickt eine Zeitbombe, denn wenn das Lügengebäude der Propaganda zusammenstürzt, könnte der Widerspruch am Angriff auf die Ukraine in Russland weiter wachsen.»

Gestern wurde diese Entwicklung möglicherweise befeuert. Im staatstreuen Channel 1 kam es zu einer aufsehenerregenden Aktion: Während der Hauptnachrichten stürmte die Newsredakteurin Marina Owsjannikowa das Studio und hielt ein handbeschriftetes Plakat in die Kamera: «Nein zum Krieg. Ihr werdet belogen. Glaubt der Propaganda nicht!» Dazu rief sie mehrmals laut: «Nein zum Krieg, nein zum Krieg, nein zum Krieg!»

Mit ihrer Aktion bringt sich Owsjannikowa in grosse Gefahr. Ihr drohen bis zu fünfzehn Jahre Haft.

Während sie in den (westlichen) sozialen Netzwerken für ihre mutige Tat gefeiert wird, scheint der Kreml bereits seine harte Hand ausgefahren zu haben. Mehrere Medien melden, dass von der TV-Redakteurin am Tag nach dem Prostest jede Spur fehlt. Anwälte der Bürgerrechtsorganisation IWD-Info versuchten vergeblich sie zu erreichen.

Und trotzdem könnte sie mit ihrem Mut in Russland etwas Unerwartetes bewirken. Viele Menschen haben wohl das erste Mal realisiert, dass es hinter Putins Propaganda noch eine andere Wahrheit gibt.