Weltwoche: Putin droht mit einem nuklearen Krieg. Wie ernst nehmen Sie das?

John Bolton: Man kann das potenzielle Risiko bei einer Nuklearmacht nie ausschliessen. Denn es gibt in der Tat Szenarien, in denen Putin Nuklearwaffen einsetzen könnte. Wenn der Krieg in der Ukraine für Russland weiter so schlecht verläuft wie bisher, wäre das eines dieser Szenarien. Anderseits muss man realistisch sein und die Drohung nicht unkritisch für bare Münze nehmen. Putin versucht, die Moral der Zivilbevölkerung in Russland zu erhöhen. Er will ihr zeigen, dass Russland stark sei und dem Westen das Fürchten beibringen könne. Zudem geht es ihm auch um eine Einschüchterung des Westens.

Weltwoche: Blufft er?

Bolton: Wenn ich Putins Rede analysiere, kann ich keine signifikante Änderung in der bisherigen Alarmhaltung der russischen Nuklearstreitkräfte erkennen. China und Russland hatten während langer Zeit einen Teil ihrer Nuklearkapazitäten in ständiger Alarmbereitschaft, um für den Fall bereit zu sein, dass sie angegriffen würden. Ist Putin nun darüber hinausgegangen? Das ist nicht vollkommen klar. Es gibt meines Wissens zumindest keine kohärenten Pläne Russlands für einen nuklearen Angriff.

Weltwoche: Welche sind die wichtigsten Lektionen des Kriegs nach sieben Tagen?

Bolton: Die ukrainische Armee hat sich gut geschlagen gegen die besser ausgerüsteten russischen Streitkräfte, die signifikante Fehler gemacht haben.

Weltwoche: Welche?

Bolton: Russlands Strategen haben sich erstens zu viele Ziele vorgenommen und dafür ungenügende Ressourcen eingesetzt. Es gibt Medienberichte und Hinweise des US-Verteidigungsministeriums sowie anderer Stellen, dass sowohl die Nahrung als auch der Kraftstoff knapp geworden sind.

Weltwoche: Hätte der Westen diese Invasion verhindern können?

Bolton: Europa und die USA drohten Putin zwar mit Sanktionen, falls er in die Ukraine einmarschiere. Aber leider hat unsere Glaubwürdigkeit gelitten, weil wir in den vergangenen Jahren wiederholt mit Strafmassnahmen gedroht haben, doch dann wurde nichts daraus. Hinzu kommt der katastrophale Rückzug der USA und der Nato aus Afghanistan im letzten Jahr, was der Abschreckungskraft des Westens geschadet hat. Die Drohung des Westens, einen Angriff auf die Ukraine mit Sanktionen zu beantworten, hat Putin deshalb schlicht nicht ernst genommen. (US-Präsident) Biden hat Putin sogar klargemacht, dass er nach einem Angriff Russlands auf die Ukraine keine US-Truppen in die Ukraine schicken werde. Biden machte eine Konzession, ohne dafür eine Gegenleistung zu erhalten.

Weltwoche: Die Sanktionen treffen Russland jetzt aber hart. Besteht da nicht die Gefahr, dass Putin in die Ecke gedrängt wird und zu irrationalem Verhalten verleitet wird?

Bolton: Nein, das glaube ich nicht. Putin hat ein anderes Problem. Er ist wohl ziemlich wütend auf seine Armee. Das so viel kleinere und schlechter ausgerüstete ukrainische Heer, das alleine kämpft, hält nämlich nach wie vor strategisch wichtige Stellen.

Weltwoche: Wie Sie wissen, rückt die Schweiz im Ukraine-Krieg von ihrer traditionellen Neutralitätspolitik ab. Begrüssen Sie das?

Bolton: Ich kenne die Einzelheiten nicht. Aber im Prinzip bin ich der Meinung, dass jedes Land Europas, auch die Schweiz, eines Tages in der Nato sein sollte. Wir müssen alle zusammenstehen, das haben gerade die letzten Tage gezeigt.