An Isabel Schnabel, dem deutschen Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank (EZB), lässt sich besonders gut die Inflations-Rhetorik der EZB zeigen: Als die Inflation in der Euro-Zone 2021 – entgegen den Voraussagen der EZB – steil anstieg, gehörte Schnabel erst zu den Stimmen, die versicherten, die Geldentwertung sei schnell wieder vorbei.

Schön wär’s!

Im Dezember 2021 lag der Preisauftrieb Euro-Zonen-weit über 5 Prozent. Für 2022 prognostiziert die EZB eine Inflation von 3,2 Prozent.

Der Kaufkraft-Verlust ist also gekommen, um zu bleiben.

In einem Vortrag vom 8. Januar bietet Schnabel nun ein neues Narrativ an: Die Inflation werde länger dauern, getrieben vor allem durch die steigenden Energiepreise der «grünen Transformation». Aber das sei auch gut so, meinte sie.

Obwohl die Geldentwertung mehrheitlich kleine Sparer schrittweise enteignet, argumentiert Schnabel, sollten die Regierungen die Energiepreisexplosion keineswegs dämpfen und «die Geschwindigkeit der Transformation nicht verlangsamen».

Zur Rolle der Währungshüter merkte sie nur an, sie würden die Preissteigerungen im Auge behalten. «Zinserhöhung» erwähnte sie mit keinem Wort. Denn die hochverschuldeten Südländer können Zinsen über null kaum tragen. Andererseits sollen die Staaten für die «grüne Transformation» noch zusätzliche, am besten kreditfinanzierte Milliarden ausgeben.

Ihr Kollege Philip Lane, Chefvolkswirt der EZB, versicherte fast zeitgleich, er sehe überhaupt keinen Grund für eine Zinsanhebung, ganz im Gegensatz zur US-Notenbank. Dabei besteht die einzige Aufgabe der Euro-Banker in der Wahrung der Preisstabilität. Eigentlich.

Was Schnabel mit dem Segen ihrer Chefin Christine Lagarde verkündet, ist nichts weniger als die Transformation der EZB. Aus einer Einrichtung zum Währungsschutz soll offenbar ein Begleitinstitut zum grünen Gesellschaftsumbau werden.