In einem Doppelinterview in der NZZ vom Freitag schwingt sich Gerhard Schwarz, jahrzehntelang der Chefdeuter des Liberalismus in der Neuen Zürcher Zeitung, zum Advokaten der Einschränkungen für Ungeimpfte auf: «Ist das Gesundheitssystem wirklich dafür da, dass es sich Menschen dank sehr aufwendiger, sehr teurer, sehr belastender Betreuung leisten können, sich nicht impfen zu lassen?»

Und weiter: «Wenn sich jemand nicht impft und dann wochenlang auf einer Intensivpflegestation betreut werden muss, belastet er die Allgemeinheit.» Wer sich «weder um Fremd- noch um Eigenschutz kümmert, ist ein Trittbrettfahrer, und zu viele Trittbrettfahrer machen eine Gesellschaft kaputt». Schwarz bringt sogar eine Haftpflicht für Ungeimpfte ins Gespräch, die andere mit Corona anstecken. «Zu einer liberalen Gesellschaft gehört die Haftung.» Der freisinnige (!) Bundesrat Ignazio Cassis flirtet gar offen mit einer Impfpflicht.

Offensichtlich weckt also die Pandemie auch bei herausragenden Vertretern des Liberalismus, die sonst der individuellen Freiheit das Wort reden, eine düstere Verherrlichung des Kollektivs in Gestalt der Volksgesundheit.
Die liberalen Massnahmen-Befürworter greifen in die gleiche Werkzeugkiste, mit der die Linken den klassischen Liberalismus des «mehr Freiheit, weniger Staat» seit Jahrzehnten zur Unkenntlichkeit zu entstellen versuchen:

1. Der Kult der Nützlichkeit: Es sei gerechtfertigt, die Freiheiten des Einzelnen einzuschränken, wenn der Nutzen des Kollektivs grösser ausfällt als die Nutzenbeschneidung des Individuums. Damit wird zum Beispiel die progressive Besteuerung begründet: Den Armen bringe der zusätzliche Franken mehr als dem Reichen, dem man ihm wegnimmt. Weil Ungeimpfte vermutlich – so genau weiss man das nicht – andere etwas mehr anstecken als Geimpfte, sei es gerechtfertigt, sie mit «2 G» aus dem gesellschaftlichen Leben auszuschliessen. Der klassische Liberalismus verbietet solches Kalkül: Niemand kennt das Nutzenprofil jedes Einzelnen; der Nutzen ist keine über die einzelnen Personen vergleichbare Grösse. Es mag Reiche geben, die aus dem Zusatzfranken mehr Befriedigung ziehen als ein Armer, dem das Geld egal ist. Und es mag Ungeimpfte geben, denen der Eingriff in ihre körperliche Integrität schwerer wiegt als der theoretische Nutzen ihrer Impfung für sich selbst und die Gesellschaft. Aus liberaler Sicht verbietet es sich, hier Durchschnittsabwägungen zu treffen, da man damit eben dem Individuum nicht gerecht wird.

2. Der Kult externer Effekte: Ungeimpfte, so läuft das Argument, belasten das Gesundheitssystem stärker als Geimpfte. Ihr eigenes Handeln hat also negative Auswirkungen auf die Gesellschaft, und bekanntlich hört die Freiheit des Einzelnen dort auf, wo jene des anderen beginnt. Mit externen Effekten kann man fast jeden Staatseingriff begründen, von CO2-Steuern bis zu Tempo 30 in der ganzen Stadt Zürich. Nur ist die Berechnung der externen Effekte eben keine exakte Wissenschaft. Je nachdem, wo man die Systemgrenzen zieht und wie man die einzelnen Aspekte gewichtet, fällt die Bilanz eben anders aus. Der Entscheid zur Nicht-Impfung hat schliesslich auch positive externe Effekte. Wer sich als Junger nicht impfen lässt, mindert die Impfstoffknappheit in den Entwicklungsländern und insbesondere bei den Alten, wo die Impfung am meisten Sinn ergibt. Und wer sich nicht impfen lässt, wird Bestandteil einer Kontrollgruppe, anhand derer man den Nutzen der Impfung und die Impfnebenwirkungen (auch allfällig langfristige) statistisch messen kann.

3. Die Anmassung von Wissen: Liberale sind normalerweise davon überzeugt, dass es keinen «allwissenden Planer» gibt, der unter Einbezug aller Faktoren optimale Entscheidungen trifft, dass also die dezentrale Schwarm-Intelligenz aus individuellen Einzelentscheidungen bessere Ergebnisse bewirkt als ein staatlich verordneter grosser Plan. Warum sollte das nicht auch in der Covid-Situation gelten? Die Gesundheits-Bürokraten des BAG haben ein ums andere Mal gezeigt, dass sie nicht im Besitz der allgemeinen Wahrheit sind. Ihre Begründungen für die Massnahmen waren oftmals diffus und widersprüchlich.

Die Wurzel des Liberalismus ist das Eigentum am eigenen Körper: Der Mensch ist Eigentümer des eigenen Körpers, und daher hat er auch das Recht auf freie Entscheidungen und auf die Früchte seines Körpers Arbeit. Die Latte für Eingriffe in die körperliche Unversehrtheit müsste also besonders hoch liegen. Leider ist sie bedenklich tief abgesenkt worden.