Als Beat Feuz am Montag im Zielgelände der Olympia-Abfahrt die ersten Interviews gab, überkamen ihn die Gefühle. Der Emmentaler, der sich sonst durch nichts und niemanden aus der Ruhe bringen lässt, dankte seiner Freundin und wischte sich Tränen aus den Augen.

Wer diese Emotionen begreifen will, muss zehn Jahre zurückblenden: Damals quälte sich Feuz in der Physiotherapie in Bad Ragaz und wusste nicht, ob er je wieder wettkampfmässig auf Ski stehen würde. Damals sagte er: «Als Spitzensportler will man alles unter Kontrolle haben. Bei mir ist das Gegenteil der Fall. Diese Situation überfordert mich.»

In seiner Verzweiflung flüchtete er nach Tirol zu seiner langjährigen Freundin Katrin Triendl. Es war ein Zufluchtsort, der ihm in der «härtesten Zeit meines Lebens» half, auf andere Gedanken zu kommen und wieder Boden unter den Füssen zu finden. Doch die Zweifel nagten so sehr an der Psyche, dass Feuz am liebsten alles weggeschmissen hätte: «Die Tage im Spital waren sehr lang – das Fernsehprogramm kenne ich auswendig –, und selbst mein grosses Hobby, das Pokern, ist mir verleidet.»

Game over auch im sportlichen Sinn?

Feuz blickte der Realität ins Auge: «Ich kann nicht garantieren, dass ich je wieder wettkampfmässig Ski fahren werde. Momentan bin ich planlos.» Was der Publikumsliebling damals durchmachte, war nur bruchstückhaft an die Öffentlichkeit gedrungen. Nach einer mehrwöchigen Behandlung im Berner Salem-Spital wurde Feuz im November 2012 ins Inselspital überwiesen. Dort musste er innerhalb von zwanzig Tagen fünfmal unters Messer – jedes Mal unter Vollnarkose.

Gesamthaft ist er heute bei elf Operation am linken Knie angelangt. Ein Infekt hätte um ein Haar die Amputation des Beins nötig gemacht.

Doch Feuz kämpfte sich zurück. Heute ist er Weltmeister, mehrfacher Weltcup-Sieger und Olympia-Champion – auch weil er eine Begabung besitzt, die es zulässt, dass er ohne die ganz grosse Belastung Ski fahren kann.

Trainerlegende Karl Frehsner sagt: «Feuz hat die ideale Balance – und steht deshalb immer mittig über den Ski.» Es sei wie bei einer Kugel, deren Schwerpunkt immer genau über dem Zentrum stehe. Diese Klasse hätten nur ganz wenige, so Frehsner: «Bode Miller hatte sie, Marcel Hirscher ebenfalls, Marco Odermatt hat sie – und auch Lara Gut-Behrami.»

Auch wenn sich Frehsner nicht zu einem generationenübergreifenden Vergleich hinreissen lassen will («alle haben in ihrer Zeit Rennen gewonnen – und waren in ihrer Epoche die besten»), die Auflistung dieser Ausnahmekönner zeigt, wo der 34-jährige Emmentaler Beat Feuz einzuordnen ist: In einer Reihe mit den grössten Skifahrern der Geschichte.