Netflix hat im arabischen Raum einen grossen Hit gelandet. Das arabische Remake des italienischen Films «Perfect Strangers» zählt vom Libanon bis Dubai zu den Top Ten bei Netflix-Abonnenten. Allerdings gefällt der Erfolg nicht allen. Ein Anwalt hat das ägyptische Kulturministerium und die Zensurbehörde aufgefordert, den Film verbieten zu lassen, weil er «darauf abziele, Familienwerte auszuhöhlen».

Der Film handelt von einer Gruppe von Freunden, die sich zum Dinner treffen und beschliessen, ihre Handys auf den Tisch zu legen. Jede Textnachricht, jede E-Mail und jeder eingehende Telefonanruf soll mit dem Rest der Gruppe geteilt werden.

Dieses Gesellschaftsspiel, das auf Offenheit setzt, kommt bei denen schlecht an, die traditionelle islamische und arabische Werte verteidigen wollen. Denn im Laufe des Abends wird einiges enthüllt, das sonst, zumindest in der Öffentlichkeit, tabu ist. Dazu gehören Themen wie Ehebruch, vorehelicher Sex und Homosexualität. Die Vergehen im Detail? In «Ashab wala Aaz», wie der Film auf Arabisch  heisst, wird ein Vater gezeigt, der mit seiner Tochter über ihre erste sexuelle Beziehung spricht, nachdem ihre Mutter in der Handtasche der jungen Frau Kondome gefunden hat. Zudem, wettert der Parlamentarier Mstafa Bakri, werde Homosexualität verteidigt, «obwohl wir eine orientalische Gesellschaft sind.» Er verlangt eine Sondersession der Legislative über den Streifen und eine Debatte über ein Netflix-Verbot.

Bakri hat sich den Film angeblich ganz genau angeschaut. Der Nasserist will «zwanzig pornographische Szenen» gezählt haben. Was reichlich übertrieben ist. Denn es gibt höchstens einen einzigen Moment, den man, mit etwas schlechtem Willen, als erotisch bezeichnen könnte: Die im arabischen Raum äusserst populäre Schauspielerin Mona Saki zieht (unter dem Tisch) ihren Slip aus, bevor sich die 45-Jährige von der Runde verabschiedet.

Die Zensur wird den Film zwar nicht verbieten können, da es sich um eine libanesische Produktion handelt. Aber die Aufregung um den Streifen zeigt, wie dominant eine strikte Auslegung des Islam im grössten arabischen Staat geworden ist. Denn, sagt der ägyptische Filmkritiker Tarek al-Chennaoui, das Kino am Nil sei «nie zimperlich» gewesen. Mehrere ägyptische Filme, darunter «Das Yacoubian-Gebäude», haben sich zum Beispiel vor fünfzehn Jahren explizit mit dem Thema Homosexualität befasst. Und – was für eine Ironie – vor fünf Jahren wurde «Perfetti sconosciuti» am Kairoer Filmfestval mit dem Preis für das beste Drehbuch ausgezeichnet.