«Die Ukrainer bombardieren ihre eigene Zivilbevölkerung, um uns anzuschwärzen», ist Irina überzeugt. Die 67-Jährige ist vor kurzem pensioniert worden und informiert sich vor allem aus dem Fernsehen. Dort wird der Krieg in der Ukraine als «Spezialoperation» zur Befreiung der Bevölkerung von der faschistischen Unterdrückung dargestellt und verkauft.

Die Methode wirkt, nicht nur bei Irina. Tief ist in den Russen das Selbstverständnis verwurzelt, Europa vom Faschismus befreit zu haben. Darauf spekuliert die Kreml-Propaganda. Sie stellt die Führung in Kiew als Anhängerin des ukrainischen Nationalisten und Kriegsverbrechers Stepan Bandera dar. 71 Prozent der Befragten gaben in einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts WZIOM jüngst an, die «Operation» zu unterstützen.

Die Sanktionen konnten bisher die Meinung der Menschen nicht erschüttern. Noch sind deren Auswirkungen allerdings erst marginal. Die russischen Fluggesellschaften haben ihre Auslandsflüge bereits eingestellt. Bargeldloses Zahlen per Telefon funktioniert nicht mehr, und immer mehr westliche Geschäfte – von Ikea über Mango und H&M bis zu den Apple Stores – machen dicht. Mit der Rubel-Abwertung droht nicht nur die Verarmung der Bevölkerung, sondern auch ein drastischer Anstieg der Arbeitslosigkeit.

Die Oberschicht spürt bereits: Die langen Schlangen vor den Bankautomaten und den Elektronik- und Haushaltstechnikläden sind erst der Anfang. Oligarch Oleg Deripaska warnte auf dem Wirtschaftsforum in Krasnojarsk: «Nehmt die Krise von 1998 – und verdreifacht sie.» Was er meinte: 1998 rutschte Russland in den Staatsbankrott. Das ist auch jetzt nicht auszuschliessen. Denn Zahlungen gegenüber dem «feindlichen» Ausland wird Russland wohl einstellen.