Unsere Nachbarin heisst Paulina und stammt aus Moskau. Doch seit der russischen Invasion in der Ukraine getraut sie sich kaum mehr, über ihre Herkunft zu sprechen. Aus verschiedenen Schulen in der Schweiz hört man, dass russische Kinder gemobbt werden. Und auch nachdem wir für unseren ukrainischen Gast – den 17-jährigen Mischa – ein Vorstellungsgespräch an der Kantonsschule Enge in Zürich vereinbaren konnten, wurden wir (indirekt) mit der neuen Russophobie konfrontiert. Der Rektor des Bildungsinstituts wies uns darauf hin, dass es in der Klasse, die für Mischa in Frage käme, eine russische Schülerin gebe – und dass sie befürchte, mit ihrer reinen Anwesenheit Mischas Gefühle zu verletzten.

Darauf angesprochen, schüttelt Mischa resolut den Kopf. Zwar ist er Ukrainer – aber es käme ihm nie in den Sinn, russische Bürger für die Tragödie in seiner Heimat verantwortlich zu machen. Er selber hat Verwandte in Russland, spricht fliessend Russisch und besitzt den praktisch identischen kulturellen und gesellschaftlichen Hintergrund wie die Menschen in Russland.

Als Mischa im Fernsehen vom Brandanschlag gegen eine russische Schule in Deutschland hörte, war er fassungslos. Seine Worte – übersetzt aus dem Russischen: «Weshalb müssen Kinder büssen, wenn ein einzelner Politiker zwei befreundete Völker gegeneinander aufhetzt?»