«Tag 9 von 21 im Holiday Inn Express Peking Dongzhimen. Die Chinesen kümmern sich rührend um mich. Dreimal am Tag stellen sie mir das Essen vor die Tür. Den Überbringern, die Ganzkörper-Schutzanzüge tragen, bin ich allerdings noch nie persönlich begegnet. Nach dem Klopfen muss ich zehn Sekunden warten, ehe ich das Essen hereinholen kann. Safety first!

Für die Kommunikation verwenden wir ein Übersetzungsprogramm via Wechat, der chinesischen Version von Whatsapp. Zweimal pro Tag muss ich die Temperatur messen. Und einmal pro Tag werde ich angerufen und gefragt, ob ich mich nicht ‹uncomfortable› fühle. Auch ein Fernseher steht in meinem Zimmer – allerdings gibt es nur chinesische Programme.

Das Quarantäne-Hotel bezahle ich selber: rund 600 Yuan pro Nacht (umgerechnet 86 Franken). Ob die Mahlzeiten inbegriffen sind, weiss ich aber nicht. Und auch für wie viele Nächte ich schon bezahlt habe, ist mir nicht ganz klar. Ich habe beim Einchecken einfach meine Kreditkarte gegeben. So oder so: Das Essen ist vorzüglich – viel Gemüse und ganz nach meinem Wunsch weder Fisch noch Seafood.

Abgesehen vom Menü ist aber noch nicht alles geklärt. Das Geld für den Flug wird mir von Swiss Olympic nur zurückerstattet, wenn ich am 8. Februar tatsächlich am Start des Parallel-Riesenslaloms stehe. Doch daran zweifle ich nicht. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich das Hotel nach 21 Tagen in guter Form und mental gestärkt verlassen werde. Vielleicht bin ich ja sogar erholter als die Konkurrentinnen – und eine Verletzung ziehe ich mir bis zum Olympiastart kaum zu.

Ich empfinde die ganze Situation nicht als schwierig, sondern als interessant. Ich betrachte sie als grosses Abenteuer und Herausforderung. Psychologisch ist es für mich wichtig, dass ich in klaren Strukturen lebe. So habe ich das Zimmer in verschiedene Zonen aufgeteilt: einen Schlafbereich, einen Trainingsbereich, einen Wohnbereich, einen Essbereich. Zweimal am Tag trainiere ich mit Hantel, Hometrainer oder auf der Fitnessmatte. Ausserdem nehme ich am Fernunterricht von meiner Schweizer Schule für traditionelle chinesische Medizin teil.

Gelegentlich tausche ich mich mit meinem Konditionstrainer Leo Held aus. Nur auf die zahlreichen Interviewwünsche konnte ich nicht einzeln eingehen. So habe ich die Medienanfragen am Donnerstag mit einem Konferenzgespräch kollektiv behandelt. Für mich geht es in diesen 21 Tagen auch darum, zur Ruhe zu kommen – und dann bereit zu sein für den wichtigsten Wettkampf des Winters.»