Die Winterspiele in Peking sind ein politisch heisses Eisen – und decken die westliche Scheinheiligkeit gnadenlos auf. «Politischer Boykott» lautete die Parole. Die USA warfen den ersten Stein. Sie erklärten, wegen der Verletzung der Menschenrechte durch China keine Diplomaten nach Peking zu schicken.

Amerikanische Sportlerinnen und Sportler nehmen aber sehr wohl am Saisonhöhepunkt teil. Gleich ambivalent verhalten sich Staaten wie Grossbritannien, Kanada, Australien oder Neuseeland. Sie heben den Mahnfinger gegen China – und ziehen ihn dann aber sofort wieder zurück.

Und auch die Schweiz drückt sich um eine klare Haltung. Bundespräsident Ignazio Cassis verspürt zwar ebenso wenig Lust auf eine Dienstreise ins Reich der Mitte wie Sportministerin Viola Amherd. Ob wegen politischer Bedenken oder aus Respekt vor den restriktiven Einreisebestimmungen, ist nicht klar.

Gleichzeitig will man China durch diplomatische Abwesenheit nicht brüskieren. So ist im Bundeshaus ein bemerkenswerter Gedanke entstanden: Samuel Schmid, alt Bundesrat und Ex-Sportminister, soll die offizielle Schweiz in Peking vertreten. Dies tönt nach einem halbbatzigen Kompromiss. Schliesslich galt der Berner (zumindest aus SVP-Warte) schon zu seinen Zeiten in der Regierung nur als «halber Bundesrat».