Die Neutralität ihres Landes empfinden viele Schweizer als identitätsstiftend. Über 90 Prozent beurteilen sie als positiv. In den letzten Jahren ist die Zustimmung zu diesem identitätsstiftenden Merkmal dieses Kleinstaates nicht kleiner geworden. Wenn die Politiker in Bern also Entscheide fällen, die die Parteilosigkeit des Landes betreffen, sollten sie gut überlegt und begründet sein. Es bräuchte eine breite gesellschaftliche Diskussion und Konsens darüber, wenn sie angepasst, verändert oder gar abgeschafft werden. Dass der Bundesrat dieses bewährte Prinzip diese Woche einfach auf den Kopf gestellt hat, entspricht nicht der helvetischen Tradition.

Ein Grund, weshalb der Grundsatz der Nichteinmischung seit Jahrzehnten bei Umfragen unbestritten bleibt, dürfte die Migration sein. Aktuell leben mehr als 15.000 Russinnen und Russen in der Schweiz – fast 7000 Personen haben einen Pass der Ukraine. Anders als viele andere Länder auch in Europa, ist die Eidgenossenschaft heute ein real existierender Vielvölkerstaat. Damit das Zusammenleben wie in der Vergangenheit friedlich bleibt, wäre es für die Verantwortlichen eine Pflicht, für das Vorgehen in solchen unbestrittenen Themen wie der Neutralität ein sorgfältiges Vorgehen zu wählen. Gerade die vielen Menschen aus Konfliktgebieten, die in den vergangenen Jahren zugewandertsind, wissen es am besten: Schwarz-weiss-Denken und einseitige Schuldzuweisungen bringen wenig.