Der Kreml liest überall mit – auch in der Schweiz. So ist auf der offiziellen Homepage der russischen Botschaft in Bern ein Text zu finden, der sich wie ein Pamphlet an die Adresse der Neuen Zürcher Zeitung anhört.

Darin wird «mit Bedauern» festgestellt, dass die NZZ «mit sinnloser Beharrlichkeit Veröffentlichungen platziert, die falsche Vermutungen enthalten». Weiter heisst es: «Die Autoren werden ausnahmslos von einer ganzen Galaxie wiederhallender lokaler russophober ‹Experten› vertreten, die auf dem Niveau der Boulevardpresse die abscheulichsten Aussagen über unser Land verbreiten.»

Und dann wird’s persönlich – an die Adresse von Auslandredaktor Andreas Rüesch: «Einer dieser Pseudoexperten mit besonders hysterischem Stil ist A. Rüesch, ein ehemaliger langjähriger Korrespondent der NZZ in Washington, der auch mehrere Jahre in Moskau gearbeitet hat. Offenbar hat die Geschäftsreise in die Vereinigten Staaten bei ihm einen so unauslöschlichen Eindruck hinterlassen, dass er alle Geschehnisse mit Russland-Bezug ausschliesslich durch die Brille Washingtons betrachtet – ob in der Rolle eines selbsternannten ‹Spezialisten› für militärische Themen, ‹offene Geheimdienste›, Innenpolitik oder Wirtschaft.»

«Um seine unerhörten Erfindungen zu bestätigen, benutzte Rüesch offene Lügen und verdrehte Fakten aus der Vergangenheit und Gegenwart. Mit der Erklärung, dass die ukrainische Krim ‹zurück ins Imperium› gekehrt sei, schien er zu vergessen, dass das russische Imperium bereits 1917 aufgehört hatte zu existieren.»

Auch die NZZ-Einschätzung über den Aggressor im Ukraine-Konflikt teilt die russische Botschaft in keiner Weise: «Laut Rüesch wurde der Krieg im Donbass von Moskau entfesselt. Wie Sie jedoch wissen, waren es die Kiewer Behörden, die unter Verstoss gegen die Verfassung der Ukraine mit dem Beschuss und den Feindseligkeiten gegen ihre Mitbürger – die Bevölkerung des Donbass – begannen, wobei sie sowohl reguläre Armeeeinheiten einsetzten als auch die sogenannten Freiwilligenbataillone, die Neonazi-Ideologie predigen.»

Die russischen Interpretationen der NZZ-Berichterstattung lösen bei jedem nur halbwegs gut informierten Westeuropäer Kopfschütteln aus. Hat man aber keinen Zugang zu anderen Informationen, bleibt einem vermutlich nichts anderes übrig, als sie für bare Münze zu nehmen.