Positiv! Nicht Covid, sondern Doping. Die Meldung verbreitete sich in Peking am Donnerstagmorgen wie ein Lauffeuer. Unter Verdacht steht das Wunderkind des russischen Eiskunstlaufsports, die fünfzehnjährige Kamila Waljewa. Sie soll auf das Stimulans Trimetazidin positiv getestet worden sein. Noch ist die Faktenlage dünn. Erhärtet sich der Verdacht aber, wäre dies eine Tragödie, die weit über den Sport hinausgeht – und alle düsteren Vorurteile mit einer Wucht bestätigt, dass im Spitzensport eigentlich kein Stein mehr auf dem anderen bleiben dürfte.

Im Team-Event verzauberte Waljewa die Sportwelt. Mit schierer Leichtigkeit sprang sie gleich zwei Sprünge vierfach – und erreichte dabei eine Höhe, die selbst für Männer Extraklasse wäre. In den Medien war von «olympischer Geschichtsschreibung» die Rede. Doch nun könnte der Traum platzen – und eine junge Karriere jäh zerstört werden. Das Tragische dabei: Waljewa wäre nicht Täterin, sondern Opfer. Keine Fünfzehnjährige greift aus eigenem Antrieb zu verbotenen Substanzen. Nahm sie wirklich Doping ein, tat sie dies auf Anraten ihrer Ärzte und Trainer.

Erinnerungen werden wach an die frühere DDR – als im staatlichen Programm Weltmeisterinnen und Weltmeister gezüchtet wurden. Und Russland wäre demaskiert. In Peking startet die russische Delegation nicht unter der Landesfahne – sondern als «ROC» («Russian Olympic Committee»). Grund: Im Dezember 2019 verkündete die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), dass Russland für vier Jahre von Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften ausgeschlossen werde. Auslöser war die Manipulation und Fälschung von Doping-Daten der Jahre 2012 und 2015 aus dem Moskauer Labor. Etwa tausend Sportler in dreissig Sportarten sollen in das staatlich gelenkte Dopingsystem involviert gewesen sein.

In Russland bezeichnet man dies freilich als westliche Verschwörung – und auch im vermeintlichen Fall von Waljewa gilt für alle Beteiligten noch die Unschuldsvermutung. Bleibt es aber beim positiven Befund, wäre dies nicht das Ende der Illusion des Sports als heile Welt. Die gibt es schon lange nicht mehr. Aber es wäre das Ende der Illusion, dass vermeintlich übermenschliche Leistungen ohne medizinische Hilfsmittel erbracht werden können. Und es wäre ein Drama für ein fünfzehnjähriges Mädchen, das einen grossen Traum träumte – und nun vor einem Scherbenhaufen steht.