Der klare Sieg des linken Abgeordneten Gabriel Boric (56 %) gegen seinen rechten Konkurrenten José Antonio Kast (44 %) hat die chilenische Währung und die Börse einbrechen lassen.

Das Resultat war absehbar. Bereits mit der Einberufung einer linksdominierten verfassungsgebenden Versammlung hat das chilenische Stimmvolk ein klareres Signal gesetzt: Es will das freiheitliche Wirtschaftssystem rückgängig machen.

Das Votum macht ratlos. Das in den 1980er Jahren implementierte chilenische Modell war eine fast einzigartige Erfolgsgeschichte. Es bescherte dem Land die höchsten Wachstumsraten der Region und die mit Abstand tiefste Armutsquote. Chile mauserte sich in wenigen Jahren zu einer prosperierenden Oase von Demokratie, Sicherheit und Stabilität in einer chronisch chaotischen Weltgegend.

Die Covid-Impfung war symbolträchtig. Chile gehörte neben Israel und den USA zu den Pionieren, weit vor allen Nachbarländern und sogar noch vor Europa. Die gerade in Lateinamerika partout grandios gescheiterte Linke hasst den Liberalismus wie die Pest. Doch sie hat keine Alternative anzubieten. Sie ist nur dagegen.

Das chilenische Wunder leidet an einem Makel: Es wurde von Augusto Pinochet implementiert, einem Diktator mit Blut an den Händen. Zwar stimmten die Chilenen 1980 und 1989 einer tadellos demokratischen Verfassung zu. Doch dieser Geburtsfehler blieb an ihr haften wie ein Kainsmal.

Pinochet hatte das demokratische System so austariert, dass sich die widerstrebenden Kräfte stets die Waage halten. Das garantierte dem Land Stabilität. Doch es führte auch zu einer für Lateinamerika aussergewöhnlichen Stimmabstinenz. Weil sich in der Praxis kaum etwas bewegen lässt, foutieren sich die meisten Chilenen um die Politik.

Die Rechten haben Chile Wohlstand und Sicherheit beschert. Doch es gelang ihnen nie, die Herzen und Köpfe der Menschen für ihre Ideale zu begeistern. Sie hatten nie die Wahl.

Es ist das alte Lied: Ein demokratisches System, und mag es noch so durchdacht sein, hat selten Bestand, wenn es einer Nation geschenkt oder (je nach Standpunkt) aufgezwungen wurde.