«Butscha ist erst der Anfang»: Das meint der ukrainische Intellektuelle Wolodymyr Jermolenko in einem Telefongespräch mit Weltwoche Daily. Und nennt die Namen ukrainischer Städte, aus denen demnächst ebenfalls Schreckensbilder in den Westen gelangen würden, sobald die russischen Truppen von dort abgezogen seien: Irpin, Worsel, Hostomel, Motyschyn und Borodjanka. Am schlimmsten sei die humanitäre Lage in Mariupol: «Dort gibt es seit Anfang März weder Strom noch Wasser noch Möglichkeiten, zu heizen. Die Leute hungern und verdursten.» Jermolenko spricht von bis zu 40.000 Toten allein in Mariupol. Das wären an die zehn Prozent der Stadt-Bevölkerung.

Jermolenko, der mit Hilfe seiner Internetseite Ukraine World, Podcasts und Beiträgen im Internet die ukrainische Sicht in die Welt tragen will, spricht von der Grausamkeit, mit der die russische Armee gewütet habe. Nicht nur in Butscha, sondern in zahlreichen anderen Städten sei gemordet, vergewaltigt und zerstört worden, sagt er.

Wie der Krieg enden werde, fragen wir Jermolenko. «Wir werden die Russen besiegen», ist er überzeugt. Putins Armee werde die gleiche Niederlage erleiden wie seinerzeit die Sowjetunion in Afghanistan. Die ukrainische Armee habe gezeigt, dass sie der russischen nicht unterlegen sei. Und wenn der Westen die Sanktionen gegenüber Russland verschärfe und Schlupflöcher schliesse, werde die russische Wirtschaft kollabieren, meint er.

Dass Verhandlungen eine Waffenruhe oder gar Frieden bringen könnten, glaubt Jermolenko freilich nicht. Denn die Russen würden «verrückte» Forderungen stellen, sagt er: «Sie wollen, dass wir auf unser Militär verzichten.» Putins Behauptung, dass die Ukraine ein Nazi-Staat sei und deshalb «entnazifiziert» werden müsse, weist der Vater von drei Töchtern ebenfalls als «absurd» zurück: «Unser Präsident ist ein gebürtiger Jude, bei uns können alle Religionen frei praktiziert werden. Und im Gegensatz zu Russland leben wir nicht in einem totalitären Regime.»

Jermolenko befürchtet, dass der Krieg noch Wochen, wenn nicht Monate oder Jahre dauern könnte. Allerdings brauche die Ukraine dringend mehr Waffen, um ihre Freiheit zu verteidigen: «Bald haben wir mehr Soldaten als Waffen.»