Weltwoche: Putin droht mit dem Einsatz der strategischen Waffe. Was wären die Folgen eines Atomkriegs für die Nato?

Van Creveld: Wenn eine Eskalation nicht verhindert werden kann, was sehr zweifelhaft ist, wäre das buchstäblich das Ende der Welt. Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Weltwoche: Gibt es einen Präzedenzfall für eine derartige Drohung seit dem Zweiten Weltkrieg?

Van Creveld: Es gab zwei. Der erste war die Kuba-Krise 1962, als sich Präsident Kennedy und Aussenminister Chruschtschow direkt gegenüberstanden. Damals war ich sechzehn Jahre alt und lebte in Israel. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie erschrocken wir alle waren. Am Ende wurde die Krise durch eine Art Kompromiss beigelegt. Die Sowjets zogen ihre Raketen aus Kuba ab, und die Amerikaner zogen ihre aus der Türkei ab. Allerdings ohne diese Tatsache allzu sehr publik zu machen.
Der andere Anlass war der 24. Oktober 1973. Es war der letzte Tag des arabisch-israelischen Krieges von 1973. Nixon und die Amerikaner behaupteten, sie hätten entdeckt, dass sowjetische Atomwaffen nach Ägypten transportiert worden seien, woraufhin sie ihre Streitkräfte in Atomwaffenalarm versetzten. Am nächsten Tag wurde der Alarm aufgehoben. Wie es dazu kam und ob wirklich Atomwaffen auf dem Weg nach Ägypten waren, bleibt bis heute ein Rätsel.

Weltwoche: Bis jetzt rückt die russische Armee nur langsam vor. Hat sich Putin mit seiner Armee verkalkuliert oder die ukrainische Armee unterschätzt?

Van Creveld: Das sehe ich anders. Ich habe den Eindruck, dass die ersten zwei oder drei Tage der Invasion für die Russen gut verlaufen sind. Als sie sich jedoch den wichtigsten Städten näherten und sich auf den Krieg in den Städten einliessen, wurden sie langsamer und sahen sich in eine Zermürbungsschlacht verwickelt. Genau so, wie es einige Leute vorhergesagt hatten.

Weltwoche: Sind die amerikanischen und britischen Geheimdienste den Ukrainern eine Hilfe?

Van Creveld: Das sollten sie sein. Insbesondere die USA verfügen über ein einzigartiges Nachrichtendienstsystem, das nicht nur jeden Zentimeter des ukrainischen Territoriums, sondern auch dasjenige Russlands abdeckt. Ganz zu schweigen von den weltweit grössten und ausgefeiltesten Fähigkeiten zur Cyberkriegsführung.