Deutsche Soldaten in Kämpfen bei Kiew, 1941: Ein MG-Schütze feuert auf russische Soldaten (Bild: Keystone)

 

Weltwoche: Herr van Creveld, wie sehen Sie die weitere Entwicklung des Kriegsverlaufs in der Ukraine?

Martin van Creveld: Ich vermute, dass die Russen die ukrainischen Städte besetzen und dabei wie in Grosny Artillerie einsetzen werden. Dies wäre jedoch nur die Einleitung für die nächste Phase, in der die Ukrainer mit Aufständen, Guerilla und Terrorismus reagieren werden.

Weltwoche: Sollte es in Kiew zu einem Städtekrieg kommen: Wer hätte die besseren Chancen, zu gewinnen?

Van Creveld: Im Städtekrieg ist der Verteidiger aus mehreren Gründen im Vorteil. Um die Verteidiger zu überwältigen, muss der Angreifer zunächst einmal seine Kräfte konzentrieren. In der Stadt mit den vielen Gebäuden, die die Zufahrten und die Strassen zwischen den Häusern versperren, ist dies jedoch viel schwieriger als im offenen Gelände. Zweitens verringert das komplexe Gelände die Vorteile des Angreifers in Bezug auf Aufklärung, Informationsbeschaffung und Überwachung. Reduziert wirksam sind zudem Luftfahrzeuge und die Fähigkeit, aus Distanz zu kämpfen. Drittens bedeutet die Vielzahl von Gebäuden, von denen vielleicht einige recht hoch sind, dass ein Grossteil der Kämpfe auf engem Raum ausgetragen wird. Um die Dinge für den Angreifer noch schwieriger zu machen, wird es oft notwendig sein, gleichzeitig von oben, auf dem Boden und von unter dem Boden zu kämpfen.

Weltwoche: Die Ukrainer sind in den Städten also klar im Vorteil. Können sie den auch nutzen?

Van Creveld: Ja, denn der Angreifer muss sich bewegen. Im Gegensatz zum Verteidiger in Kiew, der in seinen vorbereiteten Stellungen bleiben kann, exponiert er sich. Sollten diese Stellungen von der feindlichen Artillerie oder aus der Luft angegriffen werden, kann sie der Verteidiger jederzeit aufgeben und sich auf weiter zurückliegende Stellungen zurückziehen, sofern er flexibel bleibt und nicht zu lange wartet. Schliesslich nimmt die massive Feuerkraft, die Gebäude und sogar ganze Stadtteile in Schutt und Asche legt, dem Verteidiger nicht unbedingt die Deckung. Oftmals bieten die Trümmer dem Verteidiger nämlich genauso viel, wenn nicht sogar mehr Deckung als intakte Stadtteile; man denke nur an Stalingrad. Je grösser die Stadt ist, desto stärker wird dieser Effekt.

Weltwoche: Für die urbane Kriegsführung verlangt die Standarddoktrin, dass der Angreifer zahlenmässig eine klare Überlegenheit aufweisen sollte.

Van Creveld: Ja. Denn grosse Städte neigen dazu, die Kräfte des Angreifers aufzusaugen, so wie ein Schwamm das Wasser aufsaugt.

Weltwoche: Sind Grosny und Stalingrad Beispiele dafür, was Kiew bevorstehen könnte?

Van Creveld: Durchaus. In der Tat ist eine Stadt in Trümmern oft leichter zu verteidigen als eine intakte Stadt, da viele wichtige Verkehrsadern durch Trümmer blockiert sind. Ich rechne deshalb damit, dass der Krieg in Kiew und in anderen Städten langwierig, sehr zerstörerisch und sehr blutig sein wird.