In Butscha wohnten im 19. und 20. Jahrhundert Schriftsteller und Dichter, wohlhabende Bürger schätzten die Sommerfrische. In den letzten Jahren war der Vorort von Kiew beim Mittelstand beliebt. Bis vor wenigen Wochen zählte die Stadt rund 30 000 Einwohner. Viele pendelten zur Arbeit in die Hauptstadt, was mit dem Auto je nach Verkehrsaufkommen 30 bis 40 Minuten dauert.

Doch jetzt sehe «das einst schmucke Städtchen wie eine Geisterstadt aus», sagt Mykyta, ein 43-jähriger PR-Manager, der bis zum Kriegsbeginn in Butscha gelebt hat. Nur 3700 Menschen seien geblieben, zitiert er den Stadtpräsidenten, «das sind 12 Prozent der früheren Bevölkerung.» Wie viele vor den anrückenden Truppen flüchteten, von Russen entführt oder getötet wurden – das wisse niemand. In lokalen Netzwerken suchen diejenigen, die geblieben sind, nach ihren Lieben. «Mein Mann ging einkaufen und kam nie zurück,» heisst es zum Beispiel auf einem Facebook-Post. Solche Sucheinträge, sagt Mykyta, charakterisieren derzeit die verzweifelte Stimmung in der Stadt. Porträtbilder im Internet sollen helfen, die vermissten Angehörigen und Freunde zu finden. «Falls sie noch leben,» fügt Mykyta bitter hinzu.

Mykyta, der am Stadtrand von Butscha wohnte, ist gleich nach dem Einfall der russischen Truppen geflüchtet. Eigentlich hatte er an diesem 24. Februar zum Skifahren verreisen wollen. Dass die Russen ihre Drohung wahr machen und die Ukraine angreifen würden, hatte er für unmöglich gehalten. Doch als Putin seine Drohung wahr machte, brachte Mykyta seine vierköpfige Familie in Sicherheit und floh in den Westen, wobei, relativiert er: «In der Ukraine ist es derzeit nirgends sicher».

An eine Rückkehr nach Butscha denkt er derzeit nicht. «Das ist unmöglich,» sagt er, «es gibt kein Gas, kein Wasser, keinen Strom – alles wurde zerstört.» Zudem seien viele Häuser vermint: «Das Betreten der Häuser ist deshalb lebensgefährlich.»

Bisher wurden über 400 Leichen gefunden, sagt Mykyta, unter anderem in einem Massengrab bei der Kirche, andere auf der Strasse. Unter dem Schutt würden zudem hunderte von Toten begraben sein, vermuten die städtischen Behörden. Und in den Häusern, befürchtet Mykyta, werde man auf weitere Tote stossen, darunter auch ganze Familien. Er will nicht ausschliessen, dass die Russen mobile Krematorien verwendet haben, um die Spuren ihres Wütens zu vertuschen.