Ich melde mich aus Sumy im Nordosten der Ukraine. Seit viereinhalb Wochen herrscht bei uns Krieg. Was das bedeutet, wussten wir bisher nur aus dem Fernsehen und aus dem Kino. Denn Sumy war eine überschaubare und idyllische Kleinstadt, in der man sich auf der Strasse grüsste und im Sommer am Flussufer zusammen grillte. Doch nun ist der Krieg schreckliche Realität geworden – die Realität von Panik, Tod, Verderben und Chaos. Der Lärm von Bombendetonationen und Schüssen ist zum alltäglichen Schauer geworden. Wir sind umschlossen von den russischen Truppen. Deshalb sind viele Menschen geflohen. Meine Töchter Olga und Anna beispielsweise haben mit ihren Familien die Stadt verlassen: Olga am Tag, als die ersten Schüsse fielen, Anna in ihrem Privatauto rund zwei Wochen später über einen Fluchtkorridor.

Ich werde mein Haus in einem Vorortsquartier nicht verlassen – obwohl wir keinen Keller besitzen und bei einem Angriff den russischen Bomben schutzlos ausgeliefert wären. Ich bin schon über 70 Jahre alt und sehe keinen Sinn, mein ganzes Leben hinter mir zu lassen oder in einen Plastiksack zu packen. Die Lage wird aber immer prekärer. Die Wasserreserven beschränken sich auf das, was wir vor einigen Wochen in Gefässe und in die Badewanne abgefüllt haben. Die Lebensmittel werden immer knapper. Elektrizität gibt es nur noch während weniger Stunden pro Tag. Die Heizung funktioniert schon lange nicht mehr. Immerhin steigen die Temperaturen mittlerweile am Tag über den Gefrierpunkt hinaus. Noch vor kurzem war es in den Nächten bis zu minus 15 Grad kalt. Schlimm ist es auch für meinen Papagei. Deshalb wärmte ich die Küche an den kältesten Tagen mit dem Gasofen.

Die Menschen, die ausharren, haben sich zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammengeschlossen. Normalerweise zanken wir uns ja mit den Nachbarn und nerven uns über Kleinigkeiten. Doch jetzt gibt es nur ein Miteinander. So teilen wir die Vorräte und helfen uns gegenseitig aus. Die Russen bieten uns Lebensmittel als humanitäre Soforthilfe an. Doch darauf verzichten wir dankend. Wenn der Feind, der uns vernichten will, Hilfe leisten will, kann es sich genauso gut um eine Falle handeln. Wer garantiert uns, dass diese Esswaren nicht vergiftet sind?
Die Telekommunikation ist sehr schwierig geworden. Das Netzwerk funktioniert jeweils nur noch kurz. Dennoch dringen Nachrichten von aussen zu uns durch. Eine der ersten Städte, die in unserer Oblast vom russischen Angriff getroffen wurde, war Ochtyrka. Dort steht das Wärmewerk, das von den Russen gezielt zerstört wurde. Deshalb sitzen wir nun in der Kälte.

Am Schlimmsten präsentiert sich die Lage aber offenbar in Trostjanez. Nur Frauen und Alte harren aus – bei versiegender Versorgungslage und zusammenbrechender Infrastruktur. Lebensmittel gibt es nicht mehr, Wasser ebenfalls nicht. Und die Frauen, die gebären, müssen dies zu Hause machen. Offenbar lassen sich unsere Soldaten aber nicht so einfach in die Knie zwingen. Man hört, dass sie sich erbittert wehren und die Russen zurückdrängen.

Auch in unserer Stadt stellt man sich auf eine lange Verteidigungsschlacht ein. Überall werden Barrikaden mit Sandsäcken errichtet – eine davon befindet sich direkt vor meinem Haus. Ich mache mir Sorgen, dass der Druck der Sandsäcke die Gartenmauer eindrücken könnte.
Die Russen gehen mit grosser Brutalität und Verachtung vor. Teilweise zwingen sie die Menschen mit Waffengewalt, in Busse zu steigen, und bringen sie nach Russland. Was mit ihnen geschieht, wissen wir nicht. Aber man kann es sich vorstellen: Sie werden in Russland als befreite Opfer des ukrainischen Faschismus präsentiert. Gleichzeitig annektieren die Russen unsere Häuser und ziehen darin ein. Darüber kann ich nur den Kopf schütteln und hoffen, dass dieser Albtraum bald vorbeigeht.

Vor dem Krieg herrschten über unseren Präsidenten Wolodymyr Selenskyj geteilte Meinungen. Es gab eine Opposition, die ihn ziemlich offen kritisierte. Das hat sich geändert. Mittlerweile steht das ganze Land geeint hinter ihm. Selenskyj beweist echte Führungsqualitäten und hat im ganzen Land einen bewundernswerten Widerstandsgeist geweckt. Wenn ich gefragt werde, ob die Aufgabe eine Option wäre, habe ich eine ganz klare Meinung: nie und nimmer! Unsere Eltern haben einst das Land aus dem Würgegriff der Nazis befreit. Und nun rollen russische Panzer über ihre Gräber.

Wenn wir aufgeben, wird es die Ukraine nicht mehr geben. Wir würden von Russland geschluckt und ein Teil von Putins Reich werden. Und wir wären kaum die letzten, denen dieses Schicksal widerfährt. Deshalb appelliere ich an den Westen. Helft uns! Denn Putins Krieg ist nicht nur gegen die Ukraine gerichtet – sondern gegen alle Wertvorstellungen und zivilisatorischen Errungenschaften der westlichen Welt.