«Tut mir echt leid, das mit dem FC Chelsea», sage ich und drücke dem jungen Artur Abramovych die Hand. «Ich hoffe, Ihr Vater kann wenigstens die schöne Jacht behalten.»

Abramovych lächelt irritiert hier im Wiener Café des österreichischen Hospizes am Damaskustor in Jerusalem. «Eine Verwechselung», sagt er, «krieg ich oft in diesen Tagen.»

Jetzt sehe ich es auch: Artur ist kein bisschen blond wie Roman Abramowitsch, der gerade von seinem eigenen Klub rausgeworfen wurde, weil er Russe ist und Putins Freund. Der hier ist dunkel und spitzbärtig, taillierter Gehrock und gefährliches Lächeln, Typ Anarchist.

Aber weiter ins Wirrwarr, kein Ort der Welt ist dafür geeigneter als Jerusalem, das in diesen Regentagen eine wahre Rutschpartie ist, die gelben, abgetretenen Quader in der Altstadt verwandeln sich in Schmierseife.

Artur schreibt brillante Essays für die Zeitschrift Cato, letzthin über Michel Houellebecq, Fjodor Dostojewski, die Ukraine. Geboren in Charkiw, ukrainischer Jude. Chef der «Juden in der AfD».

An seiner Seite ein germanischer Posterboy, Marcel Goldhammer, gross, blond, blauäugig und schwer auf Trab, was die Koschervorschriften des «Kaschrut» angeht, und diese Fleischbällchen gemeinsam mit dem geschmolzenen Käse auf den Spaghetti gehen so was von gar nicht.

Er hat gerade seine israelische Militärzeit absolviert und repräsentiert die Schwulen in der AfD.
Was für ein Verwirrspiel für euch, Lieschen Müller, Verfassungsschutz und Ursula von der Leyen!

Im letzten Wahlkampf plakatierte er sich in Proletkult-Manier, mit Sprüchen wie «Gegen importierte Homophobie und islamische Hassverbrechen» oder «Ja, es gibt 60 Geschlechter. Es gibt Mann und Frau und 58 Sorten schwul.»

Also er ist jüdisch und schwul und rechts. Und: total unabhängig von gängigen Gesinnungsvorschriften. «Da wird es mit dem Framing schon schwierig», sagt er.

So weit die beiden, die mir ein Freund auf den Hals geschickt hat. Und ich? Bin sowieso immer im März da. Das heisst, die letzten zwei Jahre nicht, wegen Corona. Normalerweise in Tel Aviv, zum Baden. Und in Jerusalem als Katholik, der die Via Dolorosa hinaufsteigen möchte, wie es der Herr tat vor über 2000 Jahren, gegeisselt, mit dem Kreuz auf der Schulter, blutüberströmt. Als Vorbereitung auf die Karwoche, aber auch auf das Wunder der Auferstehung.

Wenn es nach Kardinal Marx ginge, der soeben die deutsche katholische Kirche in eine Art protestantisches Schisma führen möchte, kann man gar nicht gleichzeitig mit der AfD sympathisieren und Christ sein. Aber ich sage mir, sei’s drum, was dieser dicke Purpurträger sagt.

So ähnlich hatte ich mich mal in einem Beitrag für Focus ausgedrückt – er wurde vom Burda-Vorstand Bernd Callen persönlich aus dem Blatt gekegelt; wie konnte ich ahnen, dass er ein Buddy von Marx ist – seitdem kriege ich von dort keine Aufträge mehr. Spiesser!

Nein, ich glaube nach wie vor an Gott, den Allmächtigen, trotz Marx, und ich besuche bei der Gelegenheit einen Freund, den Benediktiner-Pater Nikodemus in der Dormitio am Zionstor zur Heiligen Messe und zur Vesper. Nikodemus, der hier für unzählige Gemeinden von insgesamt 100.000 Gläubigen aus allen Nationalitäten zuständig ist («die Chinesen solltest du mal sehen, eine unerschütterliche Frömmigkeit, wie aus Eisen!»), ist mit meiner nur lauwarmen Unterstützung der ukrainischen Sache nicht einverstanden. Er wäscht mir regelrecht den Kopf «Wir Katholiken sind für das Selbstbestimmungsrecht der Völker!» Der Heilige Stuhl erkenne auch Tibet an oder Taiwan, als Einziger.

Nun gut. Mir geht nur die überschnappende Kriegsbegeisterung unserer Medien auf den Keks. Dieses Schwärmen für den ukrainischen Nationalismus, ja, man wird geradezu völkisch, wo doch das Völkische zum grossen Pfui der AfD erklärt wurde.

Und der hemmungslose Hass auf alles Russische. Erinnert mich an die verordneten fünf Minuten Hass aus Orwells 1984. Marcel sah das noch bis vor kurzem genauso. Auch er ist umgeschwenkt. Politik ist wohl Glaubenssache geworden.

Wir besuchen Daniel Fradkin, den Übersetzer der schriftstellernden Netanjahus, «Bibis» Vater und Bruder, im Westjordanland. Alter Violinist, hat mit den Berliner Radiosinfonikern gespielt, wunderbarer Mann, sein Urgrossvater kam mit der dritten Alijah ins Land, den idealistischen Sozialisten aus Ukrainer und Russen, die mit ihren Kibbuzen das Land urbar gemacht haben. Der Schriftsteller Meir Shalev hat seinen Klassiker «Der Russische Roman» genau darüber geschrieben. Später telefoniere ich mit ihm. Er sieht keine neue Alijah aus der Ukraine ins Land rollen, trotz der vielen Flüchtlinge. «Das damals waren religiöse Pogrome» dann pausiert er, sinniert: «Sie flüchteten aus der Religion in den Sozialismus, ohne zu merken, dass sie sich damit einer neuen Religion anschlossen.»

Wir aber, ich und die Jungs aus der AfD, stossen, zurück in Tel Aviv in meinem Stammlokal, dem «Night Kitchen», an – auf den Befreiungskampf der Ukrainer!