Araber werfen den Europäern Rassismus bei der Bewältigung der ukrainischen Flüchtlingstragödie vor. Blonde Menschen mit blauen Augen würde man aufnehmen, weil sie «wie reine Europäer» aussehen, heisst es etwa in einer kuwaitischen Tageszeitung. Europa akzeptiere ukrainische Flüchtlinge und vergesse «das Blut von Arabern und Afrikanern», schreibt eine ägyptische Publikation. Der aus dem Libanon stammende Politikwissenschaftler Ziad lobt die «grossartige Solidarität» der Welt im Ukraine-Konflikt, kritisiert aber den «schockierenden Unterschied» zur Reaktion auf die arabischen Flüchtlinge in der Mitte des vergangenen Jahrzehnts.

Arabische Kritiker übersehen freilich drei wesentliche Tatsachen, an denen ihr Rassismusvorwurf zerschellt.

Erstens nahm Europa in den Jahren 2015 und 2016 2,5 Millionen Flüchtlinge aus Syrien und Afrika auf. Der Satz von Bundeskanzlerin Angela Merkel, «Wir schaffen das», fasst die Willkommenskultur zusammen, die in Europa anfänglich bestand.

Zweitens machten die Nachbarländer Syriens – Jordanien und der Libanon – kaum Anstalten, die arabischen Brüder in ihren Ländern zu integrieren. Viele wurden in Lagern eingesperrt, womit sie keine Möglichkeit hatten, sich im Asylland zurechtzufinden und von Almosen abhängig blieben.

Und drittens wurde kein einziger syrischer Flüchtling von den reichen Golfländern wie Kuwait, Bahrain oder den Emiraten aufgenommen. Sie zeigten den Flüchtlingen die kalte Schulter und vertrösteten sie damit, dass sie den UN Hunderte von Millionen Dollar überweisen würden, die den Migranten zugutekommen sollten. Aber Einlass in ihre Länder gewährten sie ihnen nicht. Um so lauter kritisieren sie heute die Vorzugsbehandlung der Ukrainer durch den Westen. Schade nur, dass sie sich in den Jahren 2015/2016 gegenüber ihren Brüdern und Nachbarn nicht ebenso solidarisch verhalten haben.