Seit ihrer Protestaktion im russischen Staats-Fernsehen wird Marina Owsjannikowa als Heldin gefeiert. Weiterhin droht ihr eine drakonische Strafe. Fünfzehn Jahre Lagerhaft. So lautet das Strafmass für den Verstoss gegen das Mediengesetz in Russland, das rigoros verbietet, im Zusammenhang mit der Invasion in der Ukraine das Wort «Krieg» zu verwenden.

Mit ihrer Protestaktion und ihren lautstarken Worten («Stoppt den Krieg, kein Krieg») in der Hauptnachrichtensendung des Putin-Senders Perwy Kanal (Channel One) hat die TV-Redaktorin Marina Owsjannikowa gegen diesen Passus verstossen. So wurde sie unmittelbar nach ihrer Aktion festgenommen, über Nacht festgehalten, vierzehn Stunden verhört und am folgenden Abend wegen Anstiftung zu unerlaubten Protesten zu einer Geldstrafe von 30.000 Rubel (etwa 256 Euro) verurteilt und wieder freigelassen – so die Rekonstruktion in mehreren Medienberichten.

Mit ihrem Auftritt lenkte Owsjannikowa die Aufmerksamkeit auf die Funktionsweise der russischen Propaganda: Ihr Grundprinzip besteht darin, jedes Ereignis umzudrehen und die Schuld den anderen (vorab dem Westen und den USA) in die Schuhe zu schieben. Owsjannikowa kennt diese Mechanismen seit Jahren.

Als Mitarbeiterin des Senders hatte sie selber täglich propagandistische Nachrichten produziert. «Ich schäme mich dafür, dass ich es zuliess, Lügen über die Fernsehbildschirme zu verbreiten», sagt sie in einer Videobotschaft, die sie vor ihrem Live-Protest aufgenommen hatte.

Nun ging sie in die Gegenoffensive – und könnte dafür einen hohen Preis bezahlen: Fünfzehn Jahre in einem russischen Straflager – wie Oppositionspolitiker Alexei Nawalny. Wo sich Owsjannikowa derzeit aufhält, ist nicht bekannt.